Filippa Auguste Marie © Martina Decker
Mutter Natur blickte zur Jahresuhr. Längst lagen die Zeiger auf dem zart grünen Feld des Frühlings.
„Filippa Auguste Marie!“ Wie Donnerhall klang der Ruf von Mutter Natur durch das Haus der Jahreszeiten. Und in diesem Augenblick war es ihr ganz egal, ob sie damit auch Julika oder Oktavia wecken würde. Jetzt war Eile geboten. Alles würde durcheinander kommen, wenn Filippa sich nicht sputete.
Das Mädchen war ganz ohne Zweifel die Eigensinnigste der vier Schwestern. Was sie nicht wollte, tat sie nicht. Und wehe, wenn sie sich etwas in ihr hübsches Köpfchen gesetzt hatte! Dann versuchte sie, es um jeden Preis durchzusetzen.
Mutter Natur seufzte und machte sich auf den Weg zum Zimmer der Frühlingsfee. Energisch klopfte sie an die Tür. „Bist du nun endlich soweit?“
Mit Unschuldsmiene streckte Filippa den Kopf aus ihrem Zimmer. Ihr braunes Haar stand verstrubbelt nach allen Seiten ab. „Ich weiß nicht, was ich anziehen soll! Das Kleid vom letzten Jahr ist hässlich und die anderen passen nicht mehr.“ Mutter Natur holte tief Luft. Nur mit Mühe konnte sie ihren Zorn im Zaume halten. „Du willst mir sagen, dass du die ganze Zeit nichts anderes getan hast, als Kleider anzuprobieren? Es ist Mitte März! Deine Schwester Dezembra ist müde und möchte endlich schlafen gehen!“ „Kann sie ja auch – wenn ich fertig bin!“, meinte Filippa schnippisch. Die Winterfee und sie waren sich nicht sehr zugetan. Fast jedes Jahr gab es Streit. Dann tobten beide Mädchen draußen herum und was Filippa zum Blühen brachte, bedeckte die Schwester wieder mit Schnee. „Außerdem…“setzte Filippa nach „sonst will sie doch auch nie reinkommen.“
„Das reicht!“ Die Geduld von Mutter Natur war erschöpft. „Sofort ziehst du das Kleid vom letzten Jahr an. Vorher gehst du dich ordentlich waschen und kämmst dir die Haare.“
„Aber…“ dicke Tränen kullerten über Filippas Wangen. „Nichts aber! In spätestens einer Stunde bist du zum Frühstück in der Küche.“ Mutter Natur sah Filippa streng an und wandte sich zum Gehen. Trotzig warf das Mädchen die Tür ins Schloss. „Das ist doch wirklich unglaublich!“, murmelte Mutter Natur. „Letztes Jahr hat sie schon im Januar ungeduldig an der Tür gestanden und konnte es kaum abwarten. Hat geschimpft wie ein Rohrspatz, weil ihre Zeit noch nicht gekommen war und Dezembra soviel Vergnügen hatte. Einfach unglaublich!“
Eine halbe Stunde später saß Filippa artig, wenn auch schmollend, am Tisch und löffelte ihr Müsli. Dabei tropfte immer wieder Milch auf das mit Blumen geschmückte Röckchen. Mutter Natur schüttelte missbilligend den Kopf. „Muss ich dir eigentlich jedes Frühjahr aufs Neue erzählen, wie sich eine Frühlingsfee zu benehmen hat?“ Filippa zuckte mit den Schultern und starrte schweigend in die bunte, halbvolle Schale. Mutter Natur setzte sich zu ihr. „Filippa! Die Blumensamen warten auf dich. Sie liegen noch immer in der dunklen Erde und sehnen sich nach dir, damit aus ihnen endlich wunderschöne Blumen werden können.“ Sanft strich sie dem Mädchen über den Kopf. „Sie brauchen dich und ihnen ist es völlig einerlei, welche Farbe dein Kleidchen hat!“
„Aber ich bin die Frühlingsfee. Ich will hübsch aussehen.“, verteidigte dich Filippa. „Die Menschenkinder malen mich immer so hübsch. Stell dir vor, wie enttäuscht sie wären, würden sie mich so sehen!“
Jetzt musste Mutter Natur schmunzeln. „Sie malen dich auch mit langem blondem Haar und deines ist kurz und braun.“
„Das ist doch etwas ganz anderes!“, gab Filippa zur Antwort und machte eine Schmollschnute.
„Nein, ist es nicht! Es ist völlig egal, wie du aussiehst. Wichtig ist deine Aufgabe. Wenn Dezembra immer weiter Frost und Schnee verbreitet, kann nichts wachsen. Es wird keine Früchte geben und keine Ernten. Mensch und Tier werden hungern müssen.“
Vorsichtig hob Mutter Natur das Kinn von Filippa an und schenkte ihr einen gütigen Blick. „Und nun nimm deinen Blütenkorb und mache dich endlich auf den Weg. Lasse die anderen nicht länger warten.“ Sanft schob sie das Mädchen zur Tür. „Und nächstes Jahr versuchst du dann mal pünktlich zu sein. Sollte dir das gelingen, dann nähe ich dir ein neues Kleid.“ Sie gab Filippa einen zärtlichen Kuss auf die Stirn. „Ich wünsche dir eine schöne Zeit. Grüß mir Frau Sonne und ärgere den April nicht zu sehr. Du weißt, wenn er wütend ist, kann er mit Hagel und Kälte die vielen wunderbaren Pflanzen wieder zerstören, die mit deinem Erscheinen erblühen.“
Ein Lächeln huschte über Filippas Gesicht. Ein neues Kleid! Sie wusste schon genau, wie es aussehen sollte. Ja, sie wollte sich auf jeden Fall bemühen, in Zukunft pünktlich zu sein. Ihre Aufgabe war wichtig, das hatte Mutter Natur ihr klar gemacht. Noch einmal strich sie über ihr Blütenröckchen und wischte verstohlen über die Milchflecken. Wenn sie erst einmal das neue Kleidchen hatte, würde sie auch darauf sorgfältiger achten. „Ja Mutter Natur, gerne werde ich Frau Sonne grüßen und auch den April nicht ärgern. Doch zuerst werde ich jetzt Dezembra suchen und sie nachhause schicken. Du hast gesagt, sie ist sehr müde. So werden wir uns wohl nicht streiten und ich kann die vertrödelte Zeit ein wenig aufholen.“
Mutter Natur war mächtig stolz auf Filippa. Gerührt sah sie ihr hinterher. Gerade als sie die Tür schließen wollte, hörte sie die Frühlingsfee rufen: „Ätsch Dezembra, ich bekomme ein neues Kleid und du nicht! Komm raus aus deinem Versteck. Der Winter ist vorbei und ich bin dran!“
So war im Grunde doch alles wie vorher.
Ich finde ebenfalls wichtig, dass Filippa mit ihrem Blütenkorb pünktlich is. Lieber sogar noch etwas früher!
Die Idee zur Geschichte finde ich auch Klasse.
Liebe Grüße – Thomas
PS: Grüße auch an Dezembra. Ich denke, die werde ich jetzt erst mal eine Weile nicht mehr sehen
Hallo Thomas! So, wie es aussieht, schläft Dezembra mittlerweile tief und fest (und ich werde es tunlichst vermeiden, sie wieder zu wecken
. Deine Grüße verwahre ich solange und richte sie dann zu gegebener Zeit aus. Danke für dein Lob zur Geschichte. Freue mich immer über Resonanz. LG Martina